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Wie bauen wir die Stadt der Zukunft? TillsTour#5 Lokstedt

Mit der „Hummel“ komme ich zum Ausgangspunkt meiner Tour Nr. 5. Das grüne Lastenrad des Kreisverbands, bedeckt mit der CSD-Fahne und voller Wahlkampfmaterial ist erst vor einer Woche auf der Kreismitgliederversammlung auf den Namen „Hummel“ getauft worden.

Ich begrüße die Anwesenden hier in Lokstedt; spricht es sich „Lookstedt“ oder „Lockstedt“?

Die Moderator*innen aus aller Welt geben „zurück ins Studio nach Lockstedt“, ich sage Lookstedt, was wohl auch korrekt ist, allerdings als leicht veraltet und ziemlich vornehm gilt.

 

Einen Treffpunkt mit mehr Lärm hätte man kaum wählen können.  Den Siemersplatz hat unser Bezirksabgeordneter  Sebastian Dorsch mit Bedacht gewählt: „Nehmt mal mit allen Sinnen wahr, welches Verkehrsmittel hier im Fokus steht,“ fordert er die gut 20 Interessierten der Tour auf, bevor er ihnen mit dem Fahrrad über die vielbefahrene und wenig übersichtliche Kreuzung vorausfährt. „Das war mal das Lokstedts Zentrum. Heute versteht man das eigene Wort kaum, kommt mit dem Rad oder zu Fuß nur knapp in einer Ampelphase auf die nächste Straßenseite.“  Immerhin ist die Anbindung an den ÖPNV gut: Viele Buslinien kreuzen hier. Vor acht Jahren ist der Siemersplatz neugestaltet und die Aufenthaltsqualität endgültig dem Kraftverkehr geopfert worden.

„Wir fahren nun in ruhigere Gegenden des Stadtteils, achtet auf dem Weg auf die Verkehrssituation der Radfahrenden!“ ruft Sebastian der Gruppe gegen den Lärm zu.

Schmale Radwege entlang der Vogt-Wells-Straße, die z. T. von Baumaustrieben überwuchert sind, behindern das Radfahren. So etwas kann an den Meldemichel gemeldet werden.

 

Der Weg führt auf den Behrmannplatz, auf den die Autos frei rechts abbiegen können, in Richtung Grelckstraße.

Diese kleine, auf den ersten Blick unscheinbare Straße soll schon lange ein richtiges attraktives Zentrum Lokstedts werden. Es ist schon alles da: Cafés, Restaurant, Supermärkte, Post, Apotheken, Arztpraxen, Blumengeschäft, Schneiderei, Schreibwaren, Sonnenstudio und und und. Nur die Verkehrssituation ist unbefriedigend, zumal diese kleine Straße, in der z. T. 20 km/h gilt, als Durchgangsstraße zur Umgehung der Julius-Vosseler-Straße von den Navis empfohlen und genutzt wird. Autos parken und um ein echtes Begegnungszentrum für Alt, Jung und Familien zu werden, bedarf es weiterer Verkehrsberuhigung. Dafür kämpft schon länger die „Zukunftswerkstatt Lokstedt“.

Die Bezirksversammlung hat sich nun endlich mit der Verkehrsbehörde auf Verkehrsversuche geeinigt. Es sollen verschiedene Modelle der Beruhigung ausprobiert und die Anwohner*innen sowie die Geschäftsleute in die Auswertung einbezogen werden.

 

Vor der Post ist ein vom Bezirksamt unterstütztes, von der Zukunftswerkstatt, dem Nabu, dem Bunten Band Eimsbüttel ehrenamtlich betreutes Beet mit insektenfreundlichen Pflanzen zu bestaunen. Es sind inzwischen 12 Personen, die sich hierfür verantwortlich fühlen und regelmäßig aufräumen, jäten und Nachbarschaft pflegen. „Ein wunderschöner Ort für Insekten und Stadtmenschen“, da sind sich alle einig. Nicht einig ist sich die Gruppe darüber, ob eine Verkehrsberuhigung hier sinnvoll ist. Ein Teilnehmer kann sich andere Straßen vorstellen, die für den Durchgangsverkehr gesperrt werden müssten. „Eins nach dem andern“, sagt Sebastian, „Lasst uns hier erstmal starten und die Erfahrungen auswerten.“

„Die Busanbindung ist hier ja recht gut,“ weiß ich, “die Linie 391 sollte allerdings in der Taktung erhöht werden. Zu Fuß und mit dem Rad sind die Menschen aus der näheren Umgebung schnell hier. Für Autofahrende gibt es in Lokstedt andere Quartiere, z. B. Nedderfeld. Nicht alles muss sich dem Autoverkehr unterwerfen.“

Die Grelckstraße hat jedenfalls noch viel Potential für einen öffentlichen Begegnungsraum.

„Wir Älteren wünschen uns ein höheres Tempo bei der Entwicklung“, sagt ein Teilnehmer. Alle nicken, aber die Entscheidungswege sind lang und mühsam. Bezirk, Verkehrsbehörde, Bundesrahmengesetzgebung und natürlich Geschäftsleute und Bevölkerung vor Ort sollen angemessen beteiligt werden. „Dicke Bretter, die es zu bohren gilt und jede Bohrung beginnt mit dem beherzten Ansetzen des Werkzeugs“, entgegnet eine Teilnehmerin.

Weiter geht die Fahrt durch einen kleinen, ruhigen Park, an idyllischen Schrebergärten vorbei, über die laute Julius-Vosseler-Straße hinweg zur gemütlichen Döhrnstraße, an die kleine Schillingsbek. Hier versteckt sich der Deutsche Alpenverein mit riesigen, eindrucksvollen Kletterwänden und einem temporären Corona-Testzentrum.

Hier am Rande des bürgerlichen „Zylinderviertels“ mit den schönen Villen aus mehreren Epochen haben zwei Sportvereine ihren Sitz und Sportflächen: TV Lokstedt und Eintracht Lokstedt.

In einer ruhigen Lage, von den umliegenden Wohnstraßen gut erreichbar, haben sie einen großen Wert für die Nachbarschaft, nicht nur, aber besonders für die Kinder, die dort gut und sicher hinkommen können.

„Den SC Victoria haben Sie vergessen“, wirft ein Teilnehmer ein. „Nein, nicht vergessen, er ist ein traditionsreicher Verein am Lokstedter Steindamm und hat überregionale Bedeutung.“ erwidert Sebastian, „aber gerade auf diese kleineren, stadtteilbezogenen Vereine soll heute das Augenmerk gelenkt werden“. Einer der Aktiven vor Ort ergänzt: „Außerdem haben sie hier eine wirklich gute und gemütliche Sportlerkneipe, die auch von der Wohnbevölkerung außerhalb des Vereins genutzt wird. Allerdings gibt es wegen Corona hier gerade einen Pächter-Wechsel.“

Die Flächennutzung in der wachsenden Stadt ist durch große Konkurrenz gekennzeichnet: Sportstätten, Kleingärten, Parkanlagen, Wohnungsbau sollten deshalb nicht mehr so rigide alternativ gesehen werden: Alles soll für alle nutzbar sein: In den Schulen sollen Kinder auch am Nachmittag spielen können, Kleingartenanlagen sollen auch der Naherholung der Nachbarschaft dienen und Sportstätten außerhalb der Trainingszeit für andere Nutzung geöffnet werden.

Weiter geht die Fahrt an der Schillingsbek entlang, viele Insektenhotels und Blühwiesen, gemeinschaftlich genutzte Hochbeete und Kleingärten säumen den Weg, bis die Julius-Vosseler-Straße wieder erreicht wird. Hier ist sie nicht ganz so laut, aber dort wo sie zum Siemersplatz führt, ist der Rad- und Fußverkehr durch unfassbar seltsame Einmündungssituationen nahezu schikanös behindert.

Der nächste Stopp ist an dem Neubaukomplex, der zwei Teilnehmern den Blutdruck sprunghaft steigen lässt: Dort, zwischen Julius-Vosseler-Straße und den U-Bahngleisen, wo früher Kleingärten waren, sind nun Stadthäuser, hochpreisige, freifinanzierte Wohnungen entstanden und Sozialwohnungen im Bau. „Dass es so gekommen ist, ist schon schlimm, aber das Wie ist eine Katastrophe!“ Die Ausgleichsflächen für die Garten-Parzellen an der Hagenbeckstraße seien nicht angemessen, der Abriss des dortigen Sozialwohnungsblock sei überflüssig und die Beteiligung der Betroffenen eine Farce gewesen.

Hier zeigt sich das Dilemma der Verantwortlichen: Einerseits sollen Wohnflächen geschaffen werden, um der Nachfrage zu entsprechen und so die Preise zu stabilisieren, andererseits sollen grüne Flächen erhalten werden. „Wir wollen die Stadt nicht an den Rändern erweitern, damit nicht noch mehr per Auto gependelt wird, sondern die Stadt nachverdichten, dabei soviel Lebensqualität wie möglich erhalten, die Grünbilanz stabil halten“, so Sebastian, „dabei sind Konflikte natürlich programmiert“.

„Aus den Fehlern im Verfahren werden wir Grüne für die Zukunft lernen“ kann ich verspechen. „Der Verkehr wird an dieser Stelle noch zu beruhigen sein, um die Qualität der Fuß- und Radwege zu verbessern. Und die Nahversorgung ist auch noch ausbaufähig“ so Sebastian.

Weiter geht es in Richtung Lenzsiedlung.

Die Gruppe wird im Bürgerhaus Lenzsiedlung erwartet.

Seit 30 Jahren arbeitet die Sozialarbeiterin Monika Blass hier im Verein, eine von 13 z. T. Teilzeitbeschäftigten hier. Sie liebt diese Arbeit mit 3000 Bewohner*innen aus 60 Nationen: „Ein tolles Quartier mit viel Nachbarschaftsqualität, internationale Feste werden gefeiert, man hilft sich gegenseitig. Da hat sich in den letzten Jahren vieles positiv entwickelt. Viele, die hier geboren wurden, bleiben oder kommen wieder, um hier mit ihren Familien zu leben. Ein gutes Zeichen, finde ich. Und das Bürgerhaus spielt dabei eine wesentliche Rolle: Es gibt Angebote für Junge, für Ältere und für Familien. Gerade die Alten sind gerne hier, weil sie sich mitten im Leben und nicht auf einem Abstellgleis fühlen. Viele Seniorinnen sind „Leih-Omas“ für Kinder, deren Großeltern nicht in Deutschland leben- eine sehr dankbare Aufgabe“.

„Auch in diesem Quartier spielt ein Sportverein eine wichtige Rolle“, weiß Sebastian, „der Grün Weiß Eimsbüttel hat hier direkt vor Ort seine Spielstätten und leitet enorme integrative Arbeit im Viertel.“

„Es gibt sogar eine Sport- Kita,“ kann ich ergänzen.

 

Monika Blass erinnert sich: „Als vor einigen Wochen hier das Konzert der Elbphilharmonie auf den Dächern und auf dem Sportplatz stattfand, haben wir dafür gesorgt, dass die Anwohner*innen günstige Karten bekommen. Sie waren aber für sie nur mit Hindernissen zu erwerben: Man brauchte eine Kreditkarte – wer hast so etwas hier schon? – oder die Karten mussten in der Elphie abgeholt werden. Da haben wir unkonventionell geholfen. Es war ein tolles Ereignis.“

 

 

„Seit Corona ist hier nämlich nicht mehr viel los“, bedauert Monika Blass. „Hier ist ein richtiger Corona-Hotspot: Viele Infizierte und Erkrankte gab es hier und dabei Impf- und Testgegener*innen, so dass kaum Gruppenangebote gemacht werden dürfen, was wiederum zur Verärgerung der Leute führt.

Die Lebensmittelausgabe in Zusammenarbeit mit Foodsharing findet allerdings auch jetzt zweimal die Woche statt und die Nachfrage steigt, so dass nicht alle berücksichtigt werden können.

Kaum jemand nimmt Impfangebote wahr. Nun gibt es zwei Termine in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz im Bürgerhaus. Monika Blass hofft, dass sich wenigstens einige, vielleicht 200-300, impfen lassen werden. „Es gibt auch Würstchen“, sagt Monika Blass.

„Wenn ich mir etwas wünschen dürfte,“ sagt Monika, „dann, dass die Politik sich auch außerhalb von Wahlkämpfen für uns interessiert und die Nachbarschaft jenseits der Siedlung hierherkommt und nicht immer einen großen Bogen um unser buntes, lebendiges und überwiegend fröhliches Viertel macht. Und: Dass bitte die Corona-Tests weiterhin kostenlos angeboten werden, weil hier ganz bestimmt niemand dafür bezahlen wird.“

Ich bedanke mich nach der zweieinhalbstündigen Tour bei Monika Blass und Sebastian Dorsch für die sachkundige und engagiert vorgetragenen Informationen und bei den Teilnehmer*innen für die Ausdauer und das Interesse.

„Das war eine spannende und vielfältige Tour durch Lokstedt. Wir haben laute Verkehrswege, idyllische Flüsschen, hochmoderne Wohnungen, gediegene Villen, liebenswerte Biotope und zuletzt eine sympathische Hochhaussiedlung erlebt. Nicht umsonst finden die Kreismitgliederversammlungen der Grünen Eimsbüttel normalerweise hier im Bürgerhaus statt. Wir haben gesehen, welche Herausforderungen es bei der Stadtentwicklung gibt, aber auch welche Chancen in neuen Projekten und unter Beteiligung der Menschen vor Ort liegen.“

 

 

 

 

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